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Führen

Christiane Rohn: “ Der erste Schritt des Führen-Lernens besteht darin, die Welt aus der Sicht des Hundes zu betrachten. ” 

“...Führen lernen ist der wichtigste Weg zu einer sozialen Bindung... Lernen Sie, die Welt aus Hundesicht zu betrachten, und zwar ganz neutral, ohne Beimischung von menschlichen Moralvorstellungen wie “gut” oder “schlecht” und auch ohne menschliche Empfindungen wie “mitleidig”, “trotzig”, “nachtragend” usw. in die Wahrnehmungen hineinzuinterpretieren.
Einem Hund ist ein klares, sicheres und geordetes Zusammenleben am allerwichtigsten. Er handelt in jedem Moment aus tiefer Überzeugung - unabhängig davon, ob er Angst hat oder sich einer erlernten Verhaltenweise sicher ist. Der Hund meint immer, das Richtige zu tun; und “richtig” ist aus Sicht des Hundes an erster Stelle immer das, was dem Rudel insgesamt dient.
Wenn er sich selbst als ranghoch betrachtet, wird er von Ihnen erwarten, dass Sie ihm folgen. In diesem Fall bestimmt er, was man auf dem Spaziergang unternimmt (nach Mäusen graben, Wild jagen usw.) oder in welche Richtung man weitergeht - natürlich immer mit der festen Überzeugung, dass Sie auf jeden Fall hinterherlaufen. Er ist sich dann seiner Beschützerrolle voll und ganz bewusst, und er wird die Entscheidung treffen, wer oder was für Sie bedrohlich ist...
Dem Menschen kommt der simple Gedanke an eine verdrehte Rangordnung meist gar nicht in den Sinn... Der Mensch jedoch sucht meistens nicht nach den Ursachen für das Handeln des Hundes, sondern achtet nur auf die Symptome und versucht, sie zu bekämpfen. Vor allem reagiert er in der Regel erst dann, wenn die Lage schon eskaliert ist, das heißt, der Hund bereits agiert hat.
Der Mensch sollte immer vorausschauend handeln und versuchen, alle Situationen aus der Perspektive des Hundes zu betrachten. Ein Hund, der Jogger jagt, tut das niemals, um seinen Besitzer zu ärgern. Bei einer solchen Art der Interpretation geht man von einem typisch menschlichen Verhalten aus, das man auf das Tier projiziert. Es ist eine “Vermenschlichung”. Einem Hund jedoch sind solche instrumentalisierenden Verhaltensweisen fremd: Er ist in jedem Fall überzeugt, das Richtige zu tun.
Er möchte beispielweise ein fliehendes Wesen erbeuten, mit dem rennenden Menschen spielen oder seinen Besitzer vor einem auf ihn zueilenden Fremden beschützen. Und letzteres klappt ja auch wunderbar, denn der Jogger rennt ohne zu zögern weiter: Folglich konnte er erfolgreich in die Flucht geschlagen werden! Aber eines wird ihr Hund gar nicht oder nur sehr schwer verstehen: dass ein Mensch einfach ohne offenkundige Beweggründe wie Flucht, Spiel und Jagd umherrennt und Sie nicht mitlaufen, sondern statt dessen womöglich hektisch nach dem Hund schreien; dies bestärkt den Hund in der Annahme, der Jogger sei der Grund für Ihre Aufregung. Vor allem erscheint dem Hund Ihr Verhalten recht planlos. Soll er den Jogger nun beachten oder nicht? Ist er, der Hund, ranghoch oder nicht? Wer fällt jetzt die Entscheidungen?
Ein Hund, dem diese Ungewissheit nicht genommen wird, weil der Besitzer ihm nicht zeigt, wer das Sagen und wie er sich zu benehmen hat, wird immer unsicherer werden. Es ist vom ersten Tag an wichtig, dass Sie dem Hund die Rangordnung klarmachen und dass Sie - und nur Sie - die Entscheidungen treffen...
... Fassen Sie feste Entschlüsse und setzten Sie diese mit Ruhe und Konsequenz durch. Setzen Sie sich Ziele! Was wollen Sie selbst? Im geschiderten Fall wahrscheinlich, dass Ihr Hund dem Jogger nicht nachstellt. Überlegen Sie sich nun, ob es andere Situationen gibt, in denen Ihr Hund ebensowenig auf Sie hört und sich ebenso geradlinig verhält, also von seinem Verhalten fest überzeugt ist. Ist das der Fall, wäre es völlig unsinnig, nur das Symptom “Jogger” zu bekämpfen! Und wenn Sie ehrlich sind, kommt Ihr Hund, obwohl er weiß, was beispielweise “Hier!” oder “Komm her!” zu bedeuten hat, erst nach einigem Zögern und, je nach Ereignis, mehr oder weniger schnell zu Ihnen. Aber nicht der Jogger (oder was auch immer es von Fall zu Fall sein mag) ist die Ursache, sonder die Tatsache, dass Sie Ihrem Hund zu wenig Sicherheit und Vertrauen vermitteln: Sie rescheinen ihm nicht als Leitfigur!
Lassen Sie sich bitte von niemandem einreden, dass Sie Hilfsmittel benötigen, um Ihr Selbstbewusstsein gegenüber Ihrem Hund zu stärken. Wichtig ist allein, dass Sie von Ihren eigenen Entscheidungen überzeugt sind - nicht nur dann, wenn Sie beispielweise einem Jogger begegnen, sondern im gesamten Zusammenleben mit Ihrem Hund, also auch bei Kleinigkeiten.
Mir ist es zum Beispiel gleichgültig, ob mein Hund vor mir oder nach mir aus dem Raum geht oder ob er eintreffende Besucher vor mir oder nach mir begrüßt. Das heißt, ich entscheide, dass der Hund in den erwähnten Situationen tun kann, was er will. Aber vielleicht ergeben sich Momente, in denen ich anders entscheide: Vielleicht steht eines Tages eine gänzlich fremde Person vor der Tür, und dann treffe ich die Entscheidung, dass mein Hund hinter mir zu bleiben hat! In dieser Situation muss ich ihm natürlich helfen, meinen Willen zu verstehen und zu befolgen. Das tue ich entweder über meine Körpersprache oder mit einem Befehl, den der Hund bereits kennt und daher befolgen kann. Es ist nicht planlos oder irritierend, wenn ich meinen Hund einmal vorlaufen lasse und einmal nicht. In der Natur beurteilt der Rudelführer auch jede Situation für sich. Kosequent zu sein bedeutet in diesem Zusammenhang, die Rolle des Entscheidungsträgers einzunehmen und sie beizubehalten; auf den “Inhalt” der einzelnen Entscheidungen kommt es dabei gar nicht an. Zweifeln Sie Ihre Entscheidungen nicht an, und setzen Sie sich unbedingt durch...

Motivation
Hinter jedem Ausbildungs-, Übungs- oder Leistungsziel steht immer eine Ausgangssituation, eine Aufgabe, der Grund, dieses Ziel zu erreichen. Das ist das Motiv, das als Grundlage für die Motivation dient und aus dem die Motivation, der Wille oder Antrieb, ein Ziel zu erreichen, erwächst. So sind gerade bei jungen Hunden Neugier und Interesse, Belohnung und der Anreiz, der von der Gruppe ausgeht, wesentliche Motive in ihrem Präge- und Lernumfeld. Eine positive Grundmotivation bedeutet für den jungen Hund, “Lust auf etwas zu haben”; diese Lust zeigt sich an freiwilligen und freudigen Aktivitäten und dient unter anderem der Triebbefriedigung. Der Welpe leitet seine Motivation zur Handlung aus seinen momentanen Bedürfnissen ab. Neugier und Interesse bewegen ihn natürlicherweise ganz von selbst; die treibende Kraft kommt also nicht von außen, wird nicht vom Menschen hervorgerufen. Man bezeichnet sie deshalb als innere Motivation.
Es hat sich erwiesen, dass die innere Motivation tragfähiger und dauerhafter ist als die Motivation von außen. Dies trifft insbesondere dann zu, wenn die Mensch-Hund-Beziehung auf einer festen, gefühlsbetonten Basis und auf Vertrauen aufbaut. Dem Menschen sollte es deshalb immer am Herzen liegen, die Freude, das Temperament und die Gesundheit seines Hundes zu fördern und vor allem eine gute Beziehung zu ihm zu pflegen. Das allein genügt jedoch noch nicht. Deshalb sollten Sie darüber hinaus bestrebt sein, den täglichen Umgang mit Ihrem Hund, den Spaziergang, das Spiel, die Ausbildung und die einzelnen Übungen so abwechslungsreich wie möglich zu gestalten - am besten sind häufig andere Abläufe, verschiedene Aufgaben und variierende Spaziergänge.
Natürlich müssen die Aufgaben und Übungen gegebenfalls auf das zu erreichende Ausbildungs- oder Übungsziel ausgerichtet sein. Dazu ist erforderlich, das Ziel möglichst klar zu definieren. Nichts ist schlimmer, als wenn der Hund eine Aufgabe nicht erfüllen oder ein Übungsziel nicht erreichen kann, weil der Mensch nicht in der Lage ist, die Aufgabe oder das Ziel klar zu kommunizieren.
Zweifeln Sie niemals daran, dass Ihr Hund das Ziel erreicht; wenn Sie zweifeln, wird ihr Hund auch Zweifel bekommen.
Zur Erhaltung der inneren Motivation des Hundes ist es sicher geschickt, in kleinen Etappen und mit Zwischenzielen zu arbeiten; werden sie erreicht, hat der Hund immer wieder Erfolgserlebnisse. Dies wird seine Motivation verstärken. Denken Sie daran, Ihrem Hund und sich selbst die Zeit zu gönnen, sich auch über Teilerfolge zu freuen. Sie und Ihr Hund sind ein Team!..
Die schönste Belohnung für den Hund sollte stetts Ihre Freude sein. Emotionen werden vom Tier immer intensiv wahrgenommen. Die Freude des Menschen und sein Gefühlsausdruck, auf den Hund stolz zu sein, vermittelt dem Hund zweierlei: das Gefühl, in einer festigen, guten Freundschaft mit dem Menschen geborgen, sicher und darüber hinaus auch wichtig zu sein.
Das Schwierigste bei einer erfolgreichen Motivation ist es, Störungen zu vermeiden. Motivationsstörungen unterbrechen die Konzentration von Mensch und Hund und machen oftmals die Wiederaufnahme einer Aufgabe oder Übung oder ihren gänzlichen Neubeginn erforderlich.

Ehrgeiz
... ist ein wichtiges Element in der Mensch-Hund-Beziehung. Man versteht darunter der Drang, ein Ziel unbedingt und möglichst rasch zu erreichen. Ist der Ehrgeiz übertrieben stark ausgeprägt, so kann er das Feingefühl betäuben und die Fähigkeit zur objektiven Wahrnehmung, den Bezug zur Realität, trüben.  Ehrgeiz ist immer von einer grundlegenden Leistungsmotivation geprägt, beispielweise von Einsatzbereitschaft, Ausdauer oder dem Streben, besser zu sein als andere. Wie stark der Ehrgeiz ausgelebt wird, hängt ganz vom Einzelnen ab. Der eine legt Wert darauf, sich stetts und immer durch heraustragende Leistungen von allen anderen abzuheben, der andere möchte etwas einfach nur so gut wie möglich können und wieder ein anderer will sich nur in einem bestimmten Bereich vervollkommen. Zuviel und zuwenig Ehrgeiz ist gleichermaßen schädlich.
Die Leistungsmotivation eines Lebewesens ist zum Teil genetisch bedingt und zum Teil anerzogen. Bei Mensch und Hund gibt es große Unterschiede hinsichtlich der vom Ehrgeiz bestimmten Handlungsmotivationen (Zielorientierung, Streben nach Anerkennung, Angst vom Versagen, fehlendes Selbstgefühl, Konzentrationsvermögen usw.)
Man darf ein Tier niemals für seinen persönlichen Ehrgeiz benutzen! Aber zusammen mit einem leistungsmotivierten Tier kann man “Berge versetzen”. Wird in einem Mensch-Hund-Team zur Aufgabenbewältigung ein gemeinsamer Ehrgeiz entwickelt, läßt sich unendlich viel erreichen.
Niemals jedoch darf ein Mensch, vom Ehrgeiz getrieben, die eigenen geistigen und körperlichen Grenzen oder die des Hundes überschreiten. Erwarten Sie zuviel von Ihrem Hund, so steht er unter ständigem Leistungsdruck und Dauerstress. Zudem bewegt er sich ununterbrochen im Grenzbereich seines Leistungsvermögen, so dass eine Angst zu versagen wächst. Druck und Angst vermindern seine Lernfähigkeit, seine Neugierde und seine Motivation und führen zu zunehmender Frustration des Hundes.
Menschen, die im Umgang mit dem Hund selbst unter ständigem Leistungs- und Konkurrenzdruck stehen, können sich nicht ausreichend auf den Hund konzentrieren; zudem handeln sie ohne emotionale Bindung an ihn. Andere beeindrucken zu wollen, führt schnell dazu, dass man den Hund instrumentalisiert und für seine egoistische Zwecke benutzt. Die Sehnsucht nach Anerkennung darf aber niemals in falschen Ehrgeiz ausarten und missbräulich ungesetzt werden. Die Folge wäre, dass die Basis der Mensch-Hund-Beziehung mit all ihren positiven Attributen wie Vertrauen, Respekt und Sicherheit verlorengeht.”

Aus dem Buch:

Christiane Rohn: Man nennt mich Hundeflüsterin (ISBN 3-905319-88-8) ©2004

                       

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